Beate Hammerla beim Interview im Regionalmanagement MittelhessenAls Geschäftsführerin des Geschäftsbereichs Existenzgründungen und Unternehmensförderungen bei der IHK Gießen-Friedberg hat sich Beate Hammerla viele Jahre intensiv mit Gründungen und Gründern beschäftigt. Im Interview spricht die Initiatorin und Koordinatorin der Gründungsinitiative Mittelhessen unter anderem darüber, wie sich die Sicht auf auf Gründer geändert hat, welche Rolle die Gründungsinitiative dabei spielte und welche Wünsche sie dabei für die Zukunft der Region hat.

Regionalmanagement: Frau Hammerla, haben Sie in den vergangenen Jahre einen Wandel wahrgenommen bei der Sicht auf Gründer und ihre Ideen – bei der IHK, aber auch allgemein in der regionalen Wirtschaft?

Beate Hammerla: Ja. Wir haben einen Wandel wahrgenommen. Es gibt da zwei Einflussfaktoren, die den Wandel auch im Bereich des Gründungsgeschehens begründen. Einmal ist es die demografische Entwicklung, von der wir alle wissen, dass es immer weniger junge Menschen gibt. Die in dem Alter auch sind, in dem sie ein Unternehmen gründen könnten oder auch übernehmen könnten. Zum anderen haben wir seit Jahren eine gute Konjunkturlage, was bedeutet, dass viele Menschen eine Anstellung in einem Unternehmen finden. Die Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften. Und jeder der etwas sucht und einigermaßen qualifiziert ist, wird da auch etwas finden. Die Anzahl jener, die sich mit dem Gedanken einer Selbstständigkeit beschäftigen, wird im Grund genommen immer kleiner - durch die demografische Entwicklung und eben die Konjunkturlage.

Und das hat sich bei uns auch in der Existengründungsberatung bemerkbar gemacht. Wir hatten in den früheren Zeiten sehr viel mehr Notgründungen - von Arbeitslosen, die von der Arbeitsagentur oder direkt vom Jobcenter kamen. Die nach Möglichkeiten gesucht haben, irgendetwas zu machen, und dann auf die Idee kamen, sich mit irgendeiner Idee selbstständig zu machen. Das steht nicht mehr im gleichen Verhältnis zu denen, die mit einer tollen Idee kommen und auch gut oder hoch qualifiziert sind, und eher in Richtung Startup gehe. Das Verhältnis derer, die aus einer Notsituation heraus gründen und derer, die sich mit einer tollen Idee selbstständig machen, hat sich geändert

Was ist die Gründungsinitiative und warum braucht die Region sie?

Die Gründungsinitiative Mittelhessen gibt es jetzt im dritten Jahr, wir haben sie gegründet, weil wir den Bedarf gesehen haben, dass sich alle Akteure im Bereich Gründungsberatung und Gründungsinitiativen zusammenschließen. Wir hatten das vorher nicht, wir sind in dem Thema nicht vernetzt gewesen.

Seitdem wir die Gründungsinitiative haben, gibt es einen regen Austausch untereinander, wir haben gemeinsame Projekte, wir bilden uns weiter, wir haben einen gemeinsamen Informationsaustausch. Und wir wachsen auch stärker zusammen in einem Netzwerk. Und das dient letztendlich auch den Gründern, die in die Beratung kommen, weil zum Beispiel der Wirtschaftsförderer von Wetzlar auch weiß, was wir in Gießen-Friedberg machen, welche Angebote wir haben. Und wir können uns die Kunden dann gegenseitig zuschicken.

„Welches Resümee ziehen Sie aus Ihrer Zeit als Initiatorin und Koordinatorin der Gründungsinitiative Mittelhessen?“

Die Region macht im Prinzip mobil. Wir wollen ja, dass das Gründungsgeschehen hier vorangebracht wird. Von daher werden wir auch ganz anders wahrgenommen. Wir sind ein Netzwerk, wir kooperieren, wir machen gemeinsame Aktionen – das kommt zum Beispiel auch beim Hessischen Wirtschaftsministerium an und hat unter anderem zur Folge, dass das Ministerium uns in Aussicht gestellt hat, uns jetzt über drei Jahre hinweg eine Förderung zu geben, mit der wir speziell Gründungen und Gründungsprojekte durchführen können.

Das ist ein Novum. Das gab es vorher nicht.

Und jede einzelne Einrichtung – ob das die Hochschulen waren, die in diesem Netzwerk der Gründungsinitiative auch dabei sind, oder ob das die einzelnen kommunalen Wirtschaftsförderer sind oder die Kammern oder andere Einrichtungen – jeder allein hätte es nicht geschafft. Aber wir haben es im Netzwerk geschafft. Und das ist ein ziemlich großer Erfolg.

„Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit von IHK und den Institutionen in der Region?Welche Rolle spielt dabei das Regionalmanagement Mittelhessen?“

Das wichtigste ist die Kooperation und vor allen Dingen die Kooperation der unterschiedlichen Einrichtungen der Kammern. Und dass wir die Hochschulen auch mit im Boot haben, das ist ein ganz wichtiger Faktor. Aus den Hochschulen heraus können insbesondere die interessanten Startups entstehen.

Wir haben in Mittelhessen drei Hochschulen mit insgesamt über 70.000 Studierenden. Und auch die Hochschulen sind jetzt auf dieses Thema aufgesprungen, haben auch entsprechend Fördergelder bekommen, von dem Exist-Programm. Da passiert auch eine ganze Menge. Und dadurch, dass wir das gemeinsam machen, entstehen wirklich Synergien, die den Gründern zugutekommen. Es entstehen viele Aktivitäten. Und es wird nach außen hin auch einfach deutlich und spürbar: Wir ziehen an einem Stand, wir arbeiten nicht mehr gegeneinander. Wir sind keine Konkurrenten, wir sind Mitstreiter.

Das Regionalmanagement ist für uns insofern sehr wichtig, weil es die Aktivitäten, das Marketing auch nach außen macht für die Region. Wenn das Regionalmanagement jetzt für die Gründungsaktivitäten das Marketing übernimmt, dann bekommt das auch für die Region eine Bedeutung. Dann stehen wir als Region Mittelhessen auch ein Stück weit besser nach außen dar. Und können auch der großen Metropolregion Frankfurt-Rheinmain ein Stück etwas entgegenhalten.

„Welche Hoffnungen und Prognosen haben Sie für Mittelhessen in Bezug auf Unternehmensgründungen und das, was heute als Startup-Kultur Bedeutung gewonnen hat?“

Sie fragen mich jetzt in einer Situation, in der wir als Kammern ganz stark involviert sind in die Probleme der Corona-Krise. Wenn wir die überstanden haben - und das wird uns sicher die nächsten Monate noch sehr intensiv beschäftigen - dann hoffe ich, dass das Gründungsgeschehen in Mittelhessen noch einen stärkeren Schub bekommt. Dass die Zusammenarbeit mit den Hochschulen weiter ausgebaut wird. Das hat schon angefangen durch die Gründungsinitiative, das hat aber noch mehr Potenzial.

Vor allen Dingen hoffe ich, dass wir auch Private Equity-Kapital bekommen für die Gründer. Daran scheitert es sehr häufig. Diese Kultur fehlt noch. Wir brauchen auch Risikokapital aus privater Ecke, - nicht nur von den Banken - um innovative Gründungen zu unterstützen. Investoren, die sagen, das ist eine Idee, da sind die Banken zwar noch vorsichtig, aber wir machen das - wir ziehen da mit.

Wenn Sie nach Perspektive, Hoffnung und Wünsche fragen: Ich hoffe, dass wir mal einen richtigen „Knaller“ hier bekommen, vielleicht auch zwei oder drei. Projekte, die Mittelhessen so richtig bekannt machen auch. Und wo man sagen kann, das ist eine große Sache, die in Mittelhessen entstanden ist.

Das würde ich der Region wünschen und das würde ich natürlich auch den Gründern wünschen.

Aber ich finde, wir sind da schon auf einem guten Weg, die Wegbereitung ist eigentlich gemacht. Die Saat ist ausgebracht und jetzt kann es erst mal richtig weitergehen.

Vielen Dank, Frau Hammerla, und alles Gute für die Zukunft.

Danke dass ich hier sein durfte.