Prof. Dr. Winfried Rief vom Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg koordiniert die Marburger Teilprojekte des neuen Sonderforschungsbereichs „Der Einfluss von Erwartung auf die Wirksamkeit medizinischer Behandlungen“. (Quelle: Sabine Rief)Die positiven oder negativen Erwartungen von Patientinnen und Patienten – auch bekannt als Placebo- oder Nocebo-Effekte – spielen für den Erfolg medizinischer Behandlungen eine wichtige Rolle. Doch woran liegt das? Was passiert dabei in Gehirn und Körper? Wie beeinflussen Erwartungen pharmakologische Effekte? Und wie lassen sich Erwartungen gezielt zum Wohle der Patientinnen und Patienten einsetzen? Dies wird jetzt in Essen, Hamburg und Marburg im neuen überregionalen Sonderforschungsbereich (SFB/Transregio) „Der Einfluss von Erwartung auf die Wirksamkeit medizinischer Behandlungen“ erforscht. Sprecherin ist Prof. Dr. Ulrike Bingel von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Die Teilprojekte des Standortes Marburg werden von Prof. Dr. Winfried Rief vom Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität koordiniert. Ebenfalls beteiligt ist die Universität Hamburg. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert den Sonderforschungsbereich für zunächst vier Jahre mit rund 12 Millionen Euro.

Dass Placebos wirken können, ist allgemein bekannt. Verblüffend ist: Selbst wenn Patientinnen und Patienten wissen, dass sie ein Placebo nehmen, gelingt dieser Effekt. Auch wenn Ärztinnen und Ärzte beim Verschreiben von Medikamenten gut erklären, warum diese helfen, kann die Wirkung verstärkt werden. „Wir wissen bereits: Die Erwartungen der Patientinnen und Patienten haben starken Einfluss auf die Wirksamkeit einer Therapie und damit auch ganz wesentlich auf den Verlauf einer Erkrankung“, sagt Prof. Dr. Winfried Rief. „Unser Ziel ist nun, diese Erwartungseffekte gezielter für medizinische Behandlungen einsetzen zu können“, sagt Rief.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konzentrieren sich in der ersten Förderperiode auf den Einfluss der Erwartung bei zwei Volkskrankheiten: chronische Schmerzen und Depressionen. Später sollen auch Autoimmun- sowie Herz-Kreislauferkrankungen untersucht werden. Dabei schauen die Forscherinnen und Forscher immer sowohl auf psychische Effekte als auch auf biologische Prozesse. „Unser Ansatz ist hochgradig interdisziplinär und translational geprägt“, erläutert Sprecherin Ulrike Bingel. Übergeordnetes Ziel des durch die DFG eingerichteten Sonderforschungsbereiches ist die Translation der gewonnenen grundlagenwissenschaftlichen Erkenntnisse in die Klinik, also die systematische Anwendung von Erwartungseffekten im klinischen Alltag. Eine große Herausforderung ist es, nicht nur die zugrundeliegenden Mechanismen, sondern auch interindividuelle Unterschiede zu verstehen. „Hierzu sind sehr große Datenmengen und vor allem ein eng abgestimmtes Vorgehen notwendig, wie dies nur in einem SFB zu realisieren ist. Wir sind froh zu dieser Frage auch eng mit internationalen Partnern zu kooperieren“, sagt Bingel. Am Ende, so die Hoffnung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, lassen sich Wirksamkeit und Verträglichkeit von Therapien gezielt und individuell optimieren. „Unsere Vision ist es, das wissenschaftliche Fundament für eine personalisierte Medizin zu schaffen, welche die Erwartungen von Patienten gezielt und zu ihrem Besten nutzt.“