Georg A. Pflüger im Video-InterviewIn Wetzlar steht mit der Deutschen Fernschule die einzige Schule Deutschlands, die Fernunterricht für deutsche Grundschulkinder in aller Welt anbietet. Und das schon seit fast fünfzig Jahren! Schulleiter Georg A. Pflüger, der die Schule von 2001 bis 2016 geleitet hat, teilt seine Erfahrungen mit und vergleicht sie mit einer Umfrage aus der Corona-Krise.

Homeschooling weltweit

Homeschooling ist in vielen Ländern erlaubt. Zum Beispiel kann man in Österreich zu Hause unterrichten, wenn man sich einmal pro Jahr einer Prüfung unterzieht. In England sagt das Gesetz, dass Bildung in der Schule zu vermitteln ist „or otherwise“. In vielen anderen Ländern ist Homeschooling völlig legal wie Irland, Italien, Dänemark oder Finnland. In Deutschland jedoch wurde Homeschooling als Ordnungswidrigkeit eingestuft - bis zur Coronakrise.

In vielen anderen Ländern ist Homeschooling völlig legal (Grafik: Wikimedia)

Fernunterricht statt Schule in Deutschland

Erlaubt ist allerdings der Fernunterricht. Dieser wird überwacht von einer Staatlichen Zentralstelle (www.zfu.de) in Köln. Damit die Fernschülerinnen und -schüler, wenn sie Technik, Ingenieurwesen, Feng Shui oder Bonsai studieren, keinen Betrug erleben, wurde 1977 ein eigens dafür konzipiertes Fernunterrichtsschutzgesetz erlassen. Auch den Realschulabschluss oder das Abitur kann man per Fernschule machen, allerdings nicht, wenn man noch der Schulpflicht unterliegt, also bis 16 Jahre.

Fernunterricht statt Schule im Ausland

Will man im Ausland unter 16 Fernlernen, wird man gelobt. Denn die Methode ist bewährt und führt bereits über Jahrzehnte nachweisbar zu sehr guten Ergebnissen. Will man aber in Deutschland unter 16 Jahren fernlernen, braucht es entweder eine Sondergenehmigung vom Schulamt oder man begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit empfindlichen Bußgeldern bis hin zu Gefängnisstrafen geahndet wird. Schulunterricht zu Hause war in Deutschland deshalb der Grund dafür, dass man Kinder von ihren Eltern getrennt hat oder dass Eltern mit ihren Kindern aus Deutschland geflohen sind. Bis zur Coronakrise. Jetzt machen auf einmal ALLE in Deutschland Fernunterricht zu Hause.

Dabei werden Erfahrungen gemacht, die den Fachmann oder die Fachfrau nicht überraschen. Denn die Gelingensbedingungen für den Fernunterricht sind durch die jahrzehntelange pädagogische Erfahrung hinlänglich bekannt (siehe: Pflüger, Georg Arthur (2004): Lernen als Lebensstil. Die Herausforderung der Homeschool-Bewegung. Wetzlar: Verlag Deutsche Fernschule e.V. - Lehr- und Verlagsinstitut.).

Vergleich Deutsche Fernschule – Fernunterricht in der Corona-Krise

Fast alle dieser Erfahrungen lassen sich mit den Top Ten der Hauptprobleme des Fernunterrichts in Corona-Zeiten in Verbindung bringen. Das zeigt folgende Gegenüberstellung der Erfahrungen der Deutschen Fernschule mit den Ergebnissen des Deutschen Schulbarometers Spezial Corona-Krise, einer Umfrage der Robert-Bosch-Stiftung in Zusammenarbeit mit der ZEIT und dem Deutschen Schulpreis vom April 2020 (Quelle: https://deutsches-schulportal.de/unterricht/das-deutsche-schulbarometer-spezial-corona-krise/):

Erfahrungen der Deutschen Fernschule e.V. Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers Spezial-Corona Krise
Ein Kind per Fernunterricht zu steuern, erfordert die hohe Kunst der didaktischen Artikulation. Bloß ein Schulbuch oder ein Arbeitsblatt per E-Mail zu schicken, ist noch kein Fernunterricht. Das Kind braucht klare, wohldosierte Aufgaben, sorgfältig formuliert und bebildert, damit es zu keinen Missverständnissen kommt. Erstellen/Vermittlung geeigneter digitaler Unterrichtsinhalte
Die Aufgaben müssen sinnvoll aufeinander aufbauen. Es darf weder zu einer Über- noch Unterforderung kommen. Erstellen/Vermittlung geeigneter digitaler Unterrichtsinhalte
Auch über den Fernunterricht muss eine persönliche Beziehung aufgebaut werden. Deshalb sollten die Aufgaben im Briefstil gestellt werden. fehlender persönlicher Kontakt
Jedes Kind im Fernunterricht braucht eine besondere Betreuung. Persönliche Emails oder Briefe, zusätzliche Telefonate, Skype-Sessions oder Videokonferenzen helfen sehr. fehlender persönlicher Kontakt
Bis etwa Klasse 6 oder 7 muss dem Kind zu Hause darüber hinaus eine Art Lernhilfe oder Ansprechpartner zur Verfügung stehen (Eltern oder Geschwister oder Nachhilfelehrkräfte), die auf Fragen antworten kann. Die Aufgabenstellung der Lehrkräfte muss deshalb auch Hinweise an die Lernhilfen enthalten: Warum wird was wie gemacht und was nicht ... Kommunikation mit den Schülern/ Eltern; Eltern/Schüler nicht überfordern
Die Aufgaben müssen regelmäßig kommen, es dürfen keine Wartezeiten entstehen. Der Fernunterricht muss für das Kind zu einer guten Gewohnheit werden, begleitet von sinnvollen Ritualen. Motivation der Schüler aufrechterhalten
Das Kind muss regelmäßig klare, für das Kind nachvollziehbare und zur Verbesserung führende Rückmeldungen erhalten. Eine Einbahnstraße von Aufgaben von Lehrkraft zum Kind führt geradewegs in die allseits gefürchtete Arbeitsblatt-Hölle. mangelnde Möglichkeiten für Feedback/Hilfestellung
Auch die Eltern müssen regelmäßig angeschrieben und informiert werden, damit sie sich ein Bild davon machen können, wie das Kind mit dem Fernunterricht klarkommt. Ohne die Eltern und ihre moralische Unterstützung geht im Fernunterricht nichts. Kommunikation mit den Schülern/ Eltern
Die Eltern müssen sich darüber im Klaren sein, dass Fernunterricht Arbeit bedeutet und tief ins Familienleben eingreift. Dazu müssen alle Beteiligten ein Ja finden. Erreichbarkeit der Schüler; Förderung von Schülern aus sozial schwierigem Umfeld
Dies ist ein außerordentlich schwieriger Prozess, der leicht unterschätzt wird. Auszutarieren ist hierbei die Arbeitslast, welche die Mutter und welche der Vater, respektive der eine und der andere Lebenspartner übernimmt. Erreichbarkeit der Schüler; Förderung von Schülern aus sozial schwierigem Umfeld
Geklärt sein muss ebenfalls die Frage, wie lange der Fernunterricht jeden Tag dauern soll, wie man die Ferienzeiten regelt und wie man auch Ausflüge oder Ferien mit ins Curriculum einbindet. Kommunikation mit den Schülern/ Eltern
Wichtig ist auch ein Ort, der regelmäßig als Heimschule dient. Entweder ein Zimmer, das extra dafür hergerichtet wird, voll ausstaffiert mit Karten, Büchern und Info-Bildern oder einfach der Küchentisch, der dann allerdings in dieser Zeit auch wirklich nur dem Ziel des Lernens dienen sollte. Mangel an digitaler Ausstattung der Schüler
Erfolgreich waren auch besonders die Eltern, die eine jeweils für ihre Kinder und für ihre Situation angemessene Mischung aus Disziplin und Freiheit bei der „Heimschule“ fanden. Motivation der Schüler aufrechterhalten
Erfolgreich war der Fernunterricht erfahrungsgemäß bei den Familien, die das Lernen als Lebensstil begriffen haben (deshalb mein Buchtitel „Lernen als Lebensstil“). Jede Urlaubsreise wurde damit zum Field-Trip, mit viel Spaß, Unterhaltung und einigen Lektionen. Und die Eltern lernen immer mit! So können die Kinder schon früh ans „lebenslange Lernen“ herangeführt werden. Motivation der Schüler aufrechterhalten

Umfragen unter Fernschülerinnen und -schülern, die nach ihrer Fernschulzeit im Ausland in normale Schulen in Deutschland zurückkehrten, zeigten regelmäßig, dass sie akademisch eher weiter als zurück waren. Das ist auch gerade auf dem Hintergrund der heutigen Corona-Erfahrungen kein Wunder. Denn der Fernunterricht im Ausland ist natürlich mit Kosten verbunden und das bedeutet, dass letztlich nur solche Familien dieses gemeinsame Lernabenteuer durchziehen, die sich das auch zutrauen und deshalb Geld dafür in die Hand nehmen. Wenn es in Familien klappt, den Fernunterricht positiv in das Familienleben zu integrieren, dann sind die Ergebnisse ausgezeichnet.

Die Corona-Erfahrungen zeigen leider, dass beim Fernunterricht eine Menge Kinder auf der Strecke bleiben. Das liegt aber nicht am Fernunterricht, der an sich eine nachweislich erfolgreiche Methode ist. Das liegt an den Familiensystemen, die für die anspruchsvolle Aufgabe einer Schule zu Hause einfach nicht belastbar genug sind.

So besteht nach dem Deutschen Schulbarometer bei mehr als 80% der Lehrkräfte Einigkeit darüber, dass die Fernunterrichts-Situation die soziale Ungleichheit verstärken werde. Denn die Erfahrung auch dieser Krise zeigt, dass besonders schwache Familiensysteme nicht für Homeschooling geeignet sind. Diese schwachen Familiensysteme scheinen aber nach Lehrkräfte-Einschätzung genauso häufig in Gymnasien (viel Geld?), Realschulen / Gesamtschulen und Hauptschulen (wenig Geld?) vorzukommen.

Klar ist auf jeden Fall, dass zwei Drittel der Schulen auf diese Art von (Fern-)Unterricht nicht vorbereitet war und dass bei den meisten die digitale Ausrüstung zu wünschen übrigließ. Hier beginnen im Schatten der Corona-Katastrophe neue, sehr wünschenswerte Entwicklungen. Allerdings gibt es nicht nur die 64% der Lehrkräfte, die bei der technischen Ausstattung der Schule einen Mangel sehen (Quelle: Deutsches Schulbarometer). Vor allem sind es 69%, die Nachholbedarf bei den Kompetenzen der Lehrkräfte mit digitalen Lernformaten sehen. Im Klartext: Bei zwei Dritteln der deutschen Schulen fehlt die Ausrüstung und bei 70% fehlt das Know-how dafür. Es gibt noch viel zu tun.

Anhang

Die größten Herausforderungen beim Fernunterricht *
insgesamt in %
Mangel an digitaler Ausstattung der Schüler
28
Erstellen/Vermittlung geeigneter digitaler Unterrichtsinhalte
21
Kommunikation mit den Schülern/Eltern
16
Erreichbarkeit der Schüler
14
Leistungsmessung/Lernstandmessung 14
Mangel an eigener digitaler Ausstattung
14
fehlender persönlicher Kontakt
14
Förderung von Schülern aus sozial schwierigem Umfeld
13
mangelnde Möglichkeiten für Feedback/Hilfestellung
13
Motivation der Schüler aufrechterhalten
8

* laut den Ergebnissen des Deutschen Schulbarometers Spezial Corona-Krise.