Karan Dehghani initialisierte 2015 codedoor Karan Dehghani ist Entwickler, Familienvater, Mittelhesse und begeisterter Unternehmer. Bereits 2001 gründete er sein erstes Unternehmen, den damaligen Online-Shop Geschenk24, der 2001 von der Metro AG übernommen wurde. 2015 initialisierte Karan CodeDoor ein internationales Netzwerk von Programmierern, das Entwickler aus- und weiterbildet. Wenn es um die deutsche Startup Landschaft geht, bezieht er eine ganz klare Meinung hinsichtlich der Handlungsempfehlungen der politischen Landschaft. In unserem Gastbeitrag erläutert Karan Dehghani, warum eine Steuerentlastung auf Gewinne von Early Stage Investoren eine gute Basis bildet, um die deutsche Startup Szene langfristig zu stärken:

Keine Steuern auf Gewinne von Early Stage Investoren

Hier ist ein unpopulärer Vorschlag für Politiker: Bitte befreien sie so genannte Early-Stage Investoren in Deutschland von den Steuern auf deren Investitionsgewinne.

Wenn sie an der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Deutschlands interessiert sind, sollte ihre Vision weltumspannend sein. Sie sollten sich auf die Frage einlassen, wie viel mehr deutsche Startups internationale Marktführer werden.

Globale Marktführer

Gott sei Dank haben wir das Internet. Das haben sich die Meisten wohl gerade in der jüngsten Zeit gedacht. Ob Privatpersonen oder Unternehmen, wer im Moment den Anschluss halten will, erachtet es fast als Grundrecht einen digitalen Zugang zur Welt zu haben.

Nur zum Spaß, lassen sie sich bitte auf ein kurzes Experiment ein. Schauen sie sich mal bitte die folgende, kurze Liste an. Es sind Programme und Hardware, die sie mit aller Wahrscheinlichkeit während der letzten 8 Wochen oft genutzt haben. Überlegen sie sich bitte dazu kurz, welche Unternehmen ihnen für die einzelnen Bereiche einfallen.

  • Handy:
  • Laptop:
  • Messaging Service Desktop:
  • Speicherplatz (online):
  • Soziales Netzwerk:
  • Messaging Netzwerk fürs Handy:
  • Suchmachine: Einkaufen (online):
  • Streaming Service:
  • Coding:

Überlegen sie sich bitte jetzt noch kurz, ob ihnen dazu auf Anhieb deutsche Wettbewerber einfallen, die globale Marktführer werden könnten.[FN 0]

Was ist da los? Wo sind  globale Marktführer aus Deutschland? Sie werden vielleicht sagen, ja, die Liste zeige aber nur B2C Unternehmen. Im B2B Bereich sei Deutschland ganz anders aufgestellt.

Deutschlands wirtschaftliches Rückgrat

Deutschland hätte doch genug internationale Player, mögen sie zu recht sagen. Gerade der Mittelstand zeige das doch?

Viele mittelständische Unternehmen spüren, dass aus jeder Ecke der Welt ein Produkt erscheinen kann, dass das eigene Produkt ersetzt. Die Gefahr besteht nicht in der iterierten Innovation, sondern in völlig neu gedachten Erfindungen.

Um nicht Nichts zu tun, haben die meisten deutschen Unternehmen (vor Corona) mit massenweisen Design Thinking Workshops und Startup Hubs reagiert, insbesondere solche Hubs die den Mittelstand und Startups vernetzen wollen. Die Entwicklung ist auch natürlich: Der erste Gedanke ist meistens, dass ein erfolgreicher Mittelstand aus seiner Position heraus etwas Neues (mit-)entwickeln kann. So wie das bisherige Kerngeschäft des erfolgreichen Mittelständlers, wird das Startup mit dem der Mittelstand kooperiert, natürlich auch ein Erfolg.

Wie viele Startups kennen sie, die durch die Partnerschaft mit einem mittelständischen Unternehmen internationaler Marktführer geworden sind? Empirische Erhebungen zeigen, dass Partnerschaften zwischen Startups und großen Unternehmen fast immer nur viel Arbeit für beide Seiten bedeuten. Wenn Mittelständler "nur" Kunden der Startups sind, ist es natürlich anders.

Startups sind quasi auf sich gestellt, wenn sie den globalen Markt erobern wollen. Was am Ende des Tages für die jungen GründerInnen zählt ist, dass ihre Startups bauen was der Markt will. Erfolgreiche Startups müssen dafür zwar zu Beginn Dinge tun, die nicht skalierbar sind [FN 1]. Da ein Startup sich über Wachstum definiert, ist die natürliche Entwicklung ausgerichtet auf internationale Skalierung. Deutsche Startups stehen also im Wettbewerb mit allen Startups der Welt.

Sensible Perioden im Leben eines Startups

Es leuchtet ein, dass deutsche Startups also die gleichen Rahmenbedingungen für Wachstum erhalten müssen wie die Startups aus den USA oder China.

Worauf könnten die Entscheidungsträger für die Rahmenbedingungen besonders achten?

Alles was wächst, durchläuft sensible Perioden. Maria Montessori, die bekannte Medizinerin und Pädagogin hat dies eindeutig im Wachstumsprozess von Kindern nachgewiesen. Die Auffassungsgabe von Kindern ist in diesen sensiblen Perioden für gewisse Dinge besonders ausgeprägt. Diese sensiblen Perioden öffnen sich nur für eine gewisse Zeit. Wenn sie einmal geschlossen sind, ist es sehr schwer, das Versäumte nachzuholen. [FN 2] Jeder von uns kennt das, wenn es zum Beispiel darum geht, ein neue Sprache zu lernen.

Sensible Perioden gibt es auch in den Wachstumsphasen der Startups. Eine solche sensible Periode ist die Zeit bis das Startup den sogenannten Product Market Fit trifft. Und es sei denn, sie heißen Elon Musk, ist es quasi nicht möglich, auf Anhieb das perfekte Produkt auf den Markt zu bringen, dass jeder aus der Zielgruppe haben will und das langjährig eine überproportionale starke Nachfrage zeigt.

Startups müssen während dieser sensiblen Phase so lange unterstützt werden, bis sie den Product Market Fit gefunden haben. Das kann manchmal lange dauern. AirBnB hat dafür drei Jahre gebraucht. Wenn man die Tür hier zu schnell schließt, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Startup sich davon nie wieder erholt.

Umsatz am Anfang hindert Wachstum

Wie kann sich eine Tür in einer solchen sensiblen Periode schließen? Hier kommt der schwerwiegende Nachteil zum Tragen, den die meisten deutschen Startups haben.

Startups in Deutschland müssen gleich zu Beginn ihres Daseins etwas leisten, das andere Startups in den USA, Dänemark, China, Indien, Irland, Schweden und Israel in dieser frühen Phase meistens nicht müssen: die meisten deutschen Startups müssen schon zu Beginn Umsatzwachstum zeigen.

Das stimmt. Die meisten so genannten Lead-Investoren, die in diese “umsatzfreien”-Startups investieren, kommen aber nicht aus Deutschland. Am Ende des Tages verschiebt sich das Headquarter der Startups mit Top Investoren dann oft in die USA. Schauen sie sich bitte das jüngste Beispiel Rasa an. Top Team, top Produkt, und das HQ ging von Berlin nach San Franciso. Das ist kein Vorwurf gegenüber Rasa. Es zeigt, welche Investoren in der Startupwelt das Sagen haben. Und auch den US-Investoren ist kein Vorwurf zu machen.

Sie mögen jetzt vielleicht sagen: Umsatz zu generieren ist doch ein Zeichen für die Marktfähigkeit des Produkts? Umsatz bedeutet aber nicht zwangsläufig Product-Market Fit. Es bedeutet am Anfang meistens erstmal “nur” Product-User Fit. Das Startup hat einzelne Poweruser, die das Produkt sehr gerne nutzen und weiterempfehlen. Aber sind die neuen einzelnen User so vernarrt in das Produkt, dass sie es anderen Leuten quasi aufdrängen auch zu nutzen? Das Startup muss es also schaffen, aus dem Product-User Fit einen Product-Market Fit zu finden. Startups können das schaffen, indem sie auf Basis des Feedbacks der ersten Poweruser das Produkt immer weiter verbessern.

Wissen sie noch wie sie das erste mal über AirBnB oder Dropbox erfahren haben? Fragen sie mal Jugendliche ab 16 welche Social Media App sie gerade empfehlen. Die Beispiele zeigen recht schnell, wann Product- Market Fit gegeben ist.

Das Problem mit dem lieben Umsatz ist, dass sich die Startups am Anfang damit keinen Gefallen tun. Zu Beginn ein Produkt auf den Markt zu bringen, wofür Leute sofort Geld bezahlen sollen, reduziert die Weiterempfehlungsrate des Produkts. Das bremst die Skalierung.

Ein Grund liegt in dem Fairness Gefühl für Pricing. [FN 3] Wenn wir für Etwas bezahlen, muss das Produkt quasi perfekt sein. Der kleinste Fehler ärgert uns. Wenn wir das Produkt erstmal kostenlos erhalten, dann übersehen wir kleine Fehler bzw. nehmen diese in Kauf solange es unser Problem löst. AirBnB hatte zum Start noch nicht mal eine Bezahlfunktion. Die Marktplatzteilnehmer mussten sich selbst darum kümmern, wie sie das Geld für die Buchungen austauschen.

Das Early Stage Startup, das Umsatz nicht als Voraussetzung für das erste Investment hat, kann im Feedback Loop mit der Zielgruppe den Product Market Fit finden. Das Early Stage Startup, das Umsatz bringen muss, hat kaum eine Chance den eigentlichen Product Market Fit zu finden.

Reid Hoffmann, Mit-Gründer von LinkedIn, beschreibt in seinem Buch Blitzscaling, dass Umsatz sogar ein Hindernis für Wachstum ist. Er schreibt unter anderem: “Wir können uns nicht an einen einzigen Fall eines Unternehmens erinnern, das durch die Nutzung der Viralität eines bezahlten Produkts zu einer massiven Größe herangewachsen ist.” [FN 4]

Es kommt nicht auf die Idee an

Sie mögen argumentieren, dass es doch nur auf die richtige Idee ankommt. Es wäre daher Zufall, dass aus den USA die führenden Ideen kommen. Einzigartige ProduktIdeen gibt es aber in der Regel kaum und wenn dann nur für kurze Zeit. Außergewöhnliche, kommerzialisierbare Ideen entstehen, weil die Idee einen gewissen Reifegrad erreicht hat. Zum Beispiel hat die Entwicklung der Server sowie deren Vernetzung die Entstehung von Blockchain und somit Bitcoin ermöglicht.

Wenn der internationale Kontext für die Ausführung ihrer Idee gegeben ist und der Markt groß genug ist oder dabei ist zu wachsen, können sie fast sicher sein, dass andere Menschen an der gleichen Idee arbeiten. Arthur Koestler beschreibt dies als “Chance and Ripeness” von Ideen. [FN 5] Das ist ein Grund warum einige Erfindungen fast gleichzeitig auf der Welt entdeckt werden

Sie kennen das Beispiel der Erfindung des Telefons durch Thomas Edison und Elisha Gray sowie Antonio Meucci. So ist auch zu erklären, dass es mindestens sechs Startups gibt, die an einem Air-Taxi Model arbeiten: ImagineAir. Propair, Skymax, Airstream Jets, Uber Air und Lilium.

Wir brauchen für Investoren einen Kulturwandel

Ceteris Paribus, gewinnt also das Startup (wenn es Vieles richtig macht) das schnell genug mit der Hilfe von Investoren wächst.

Natürlich gibt es unter den deutschen Investoren Ausnahmen, die den "US-Ansatz" haben. Wir brauchen jedoch Anreize, damit mehr VCs in Deutschland sich trauen, bei Early-Stage Investments auf die Umsatzbedingung zu verzichten. Die bisherigen Bemühungen eine Startup Kultur zu schaffen sind gut. Deutschland muss sich aber noch viel mehr anstrengen, den Abstand zwischen Geld und Idee zu reduzieren.

Wir brauchen Anreize, um international nicht nur mitspielen zu können, sondern maßgebend zu sein. Der Vorschlag lautet daher etwas konkreter:

Investoren, die in Early Stage Startups investieren, sollten keine Steuer auf Investitionsgewinne zahlen müssen wenn das Startup:

  • zum Investitionszeitpunkt keine nennenswerten Umsätze hatte,
  • mindestens 50% aller Mitarbeiter in Deutschland beschäftigt,
  • operatives Geschäft in Deutschland tätigt,
  • in Deutschland Steuern zahlt,
  • der Investor einen Großteil der so entstandenen Gewinne in Startups mit Sitz in Deutschland investiert.

Die entgangenen Steuern werden durch Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland längst herausgeholt. Daraus kann eine langfristige Wertschöpfungsspirale entstehen, die Deutschland zum sicheren Anlaufpunkt für internationale Startup-Investoren macht.

Warum Politiker sich darauf einlassen sollten

Innovation wird immer schwerer wiegen als Regulation.

Wir müssen aufpassen, dass wir vor lauter Vorbereitung auf die Digitale Revolution die Schlacht nicht verpassen. Deutschland kann sich nicht alleine gegen den globalen Trend stellen. Das können noch nichtmal die USA oder China. Dort wird super früh in Ideen und Teams investiert. Das zieht dann die top Teams an. In San Francisco alleine gibt es fast 11.000 Startups. Manche Statistiken gehen von 60.000 Startups aus.

Wie spielen wir in Deutschland besser mit?

Nationalismus ist offensichtlich nicht zielführend. Sie brauchen als Politiker eine weltumfassende Vision, die im Einklang mit der digitalen Realität steht.

Die Voraussetzungen für eine Unicorn Pipeline sind fast alle erfüllt: Wir haben in Deutschland im internationalen Vergleich eine hohe Lebensqualität, sehr gute forschende Universitäten, und eine hohe Anzahl an StudentInnen. Es fehlen aber die GründerInnen.

Und das ist auch kein Wunder, denn die Distanz zwischen Geld und Idee ist viel zu groß.

Die Auswirkungen einer mangelnden Unicorn-Pipeline

Wäre es anders, dann hätten Deutschland viel mehr internationale Startups mit Kurs auf globale Marktführung. Insgesamt gibt es ungefähr 310 Unicorns auf der Welt, 150 davon sind in den USA, 85 in China, und nur 9 (manche Statistiken sagen 15) in Deutschland. Es braucht keine langweilige Statistik, um zu zeigen, dass 150 Startups mit einer Bewertung von über 1 Mrd. USD mehr Arbeitsplätze schaffen als 15 Startups.

Und wenn sie jetzt sagen, aber die Amerikaner sind ja viel mehr als die Deutschen, dann ist das zwar richtig. Eine neue Studie der National Foundation for American Policy kommt aber zu dem Ergebnis, dass 55 % der 1 Milliarde Dollar schweren Startup-Unternehmen in den USA mindestens einen Gründer oder ein Gründerin haben, der bzw. die aus dem Ausland kommt.

Die GründerInnen der Unicorns werden in Fast jedem Fall auch wieder zu Investoren. Sie investieren dort, wo es ihnen gefällt und wo sie einen Bezug haben. Die Verdichtung der Unicorns nimmt dadurch in den starken Ländern, wie den USA, China, UK, Schweden etc zu.

Nordics als Vorbild

Deutschland sollte dabei einen Blick in den Norden, insbesondere nach Schweden und Dänemark werfen. [FN 6]

Heute ist bekanntlich Schweden nach dem Silicon Valley der zweitgrößte Staat, wenn es um die Anzahl der Unicorns geht, die pro Kopf produziert werden. Stockholm ist unangefochten die Europäische Nummer 1, wenn es um Early Stage Deals geht (gerechnet seit 2012). Die Anzahl der Investitionen in Startups sind in Stockholm und Dänemark stark gewachsen, vor allem im Early-Stage Bereich. [FN 7] In Dänemark gibt es 4 Unicorns und 8 Unternehmen sind auf dem besten Weg ein Unicorn zu werden. Für ein Land mit 6 Mio Einwohnern ist das beeindruckend.

In Deutschland ist zwar das Investitionsvolumen gestiegen, aber die Anzahl von Early Stage Investments rückläufig. Sie schaffen natürlich keinen Kulturwandel per Knopfdruck. Sie können aber per Knopfdruck der Mannschaft neue Trainingsbedingungen geben. Ändern sie bitte das Anreizsystem für Early Stage Investoren und machen sie Deutschland damit weltweit maßgebend für Early Stage Investments.

Fussnoten

FN 0: Hier ist meine Liste:
Ihr Handy: Apple
Ihr Laptop: Apple
Messaging Service Desktop: Slack
Speicherplatz (online): Dropbox
Soziales Netzwerk: TikTok, Twitter
Messaging Netzwerk fürs Handy: Whatsapp
Suchmachine: Google, DuckDuckGo
Einkaufen (online): Amazon
Streaming Service: Spotify, Netflix
Coding: GitHub

FN 1: Siehe Paul Graham’s Aufsatz "Do Things that Don’t Scale" unter http://paulgraham.com/ds.html. Hier die nicht autorisierte deutsche Übersetzung: https://karandehghani.com/nichtskalieren.

FN 2: Kinder sind anders, Maria Montessori, S.65 ff., Klett-Cotta Verlag, 20. Auflage.

FN 3: Comparing the Incomparable? How Consumers Judge the Price Fairness of New Products, International Journal of Research in Marketing, 2015, Küster, Sabine; Schuhmacher, Monika C; Feurer, Sven; Reinartz, Dominik.

FN 4: Blitzscaling, The Lightning-Fast Path to Building Massively Valuable Companies, Chris Yeh and Reid Hoffmann, S.111 und S.86, Currency - Crown Publishing Group.

FN 5: The Act of Creation, Arthur Koestler, S. 109 ff, Hutchison & Co.

FN 6: Natürlich gehört zur Liste von kleinen Ländern mit hohem Output für Unicorns auch Israel. Hier ist der Weg aber eher ein anderer, aus Israel kommen viele top GründerInnen, die dann in die USA oder nach England gehen und von dort ein Unicorn aufbauen. Der US-Amerikaner und Israeli Sergey Brin ist zum Beispiel so ein top Gründer.

FN 7: 2018 Annual European Venture Report, PitchBook.com.