In den letzten beiden Jahren hat es in der Welt gravierende und nachhaltige Ereignisse und Veränderungen gegeben, mit denen in dieser Form nicht zu rechnen war. Tagtäglich beherrschen sie die Nachrichten: Die Brexit-Entscheidung Großbritanniens, das Versagen der EU in Fragen der Solidarität bei der Flüchtlingspolitik, die Erosion demokratischer Prinzipien in einzelnen Staaten, der nicht endend wollende Abgasskandal, sowie die steigende Terrorgefahr sind nur einige Punkte. Herausforderndes hat es in der Welt immer gegeben, aber die zeitliche Dichte und die inhaltliche regionale Vernetzung hat ein nie gekanntes Ausmaß angenommen. Unser Mikrokosmos Mittelhessen ist hingegen – zumindest aus arbeitsmarktpolitischer Sicht – in einem guten Gleichgewicht: Seit der Wirtschaftskrise 2009 haben wir in der heimischen Region eine stabil wachsende sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. In den fünf mittelhessischen Landkreisen arbeiten aktuell 362.500 Arbeitnehmer in sozialgesicherten Beschäftigungsverhältnissen, 24.000 oder 7,1 Prozent mehr als noch vor 5 Jahren. Im Vergleich: Deutschlandweit arbeiten 32 Mio. Arbeitnehmer (+ 2,8 Mio. oder 9,6 Prozent) in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung – in Hessen 2,5 Mio. (+ 211.000 oder 9,2 Prozent). Dafür sei allen Arbeitgebern herzlich gedankt. 

Diese hohe Zahl an sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten zeigt, dass die Auftragslage in den 25.000 Betrieben aus Industrie, Dienstleistung, Handel, Handwerk und freien Berufen in Mittelhessen zumindest zufriedenstellend war. Diese grundsätzlich gute wirtschaftliche Lage setzt sich auch 2017 fort: Nach Umfragen der regionalen Industrie- und Handelskammern gehen mehr als achtzig Prozent aller Betriebe davon aus, dass ihre wirtschaftliche Situation auf dem bisherigen Niveau verbleibt oder sogar noch besser wird. Alles deutet letztendlich darauf hin, dass der regionale, mittelhessische Arbeitsmarkt weiterhin aufnahmefähig sein wird, und noch mehr Menschen eine Chance auf einen Arbeitsplatz haben werden. Diese hohe Einstellungsbereitschaft der Unternehmen bildet sich auch bei der Zahl der Stellenmeldungen ab. Im letzten Jahr haben die Arbeitgeber der heimischen Regionen jeweils über 32.600 Vermittlungsaufträge erteilt (Deutschland 2,3 Mio. / Hessen 168.800).

Eine gleiche gute Situation haben wir auf dem Ausbildungsstellenmarkt: Die Ausbildungsbereitschaft der heimischen Unternehmen liegt über dem Landesdurchschnitt. Während die Ausbildungsquote in Hessen 4,5 Prozent beträgt, liegt der Anteil der Auszubildenden an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Mittelhessen bei 5,6 Prozent. Auch dafür allen Arbeitgebern ein großes Dankeschön.

Von 2015 auf 2016 ist der Bestand an Arbeitslosen im Regierungsbezirk Gießen von 29.350 auf 28.400 Personen gesunken, und die Quote ging von 5,3 auf 5,1 Prozent zurück. (Deutschland 6,4 auf 6,1 Prozent / Hessen 5,5 auf 5,3 Prozent). Im laufenden Jahr 2017 wird die Zahl der Arbeitslosen nach Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in unserer Region Mittelhessen nochmals um gut 1.000 bis 1.500 Erwerbslose sinken. Und dies trotz der gleichzeitig steigenden Zahl von Asylbewerbern und -berechtigten, die inzwischen den Arbeitsmarkt erreichen. In dieser positiven Situation lassen sich Arbeits- und Ausbildungsstellen jedoch immer seltener mit dem Wunschbewerber besetzen. In Mittelhessen, die gekennzeichnet ist von hochspezialisierten Betrieben und vielen Global Players, verändern sich die Marktverhältnisse. In etlichen Branchen bestehen Fachkräfteengpässe, die zu längeren Laufzeiten der Stellen oder gar zu Unbesetzbarkeit führen. Dabei gilt: Je qualifizierter und/oder dienstleistungsorientierter der vakante Arbeits- und Ausbildungsplatz ist, umso größer ist der Engpass.

Angelika BerbuirWas können Arbeitgeber in dieser Situation tun?

Neben verstärkter Investition in die betriebliche Ausbildung, Prozessoptimierungen und Restrukturierungen können Unternehmen einen weniger passenden Arbeitnehmer ins Auge fassen. Einen, der vielleicht nur zu achtzig Prozent passt.

Die Agenturen für Arbeit und Jobcenter betreuen -quantitativ betrachtet- ausreichend Potential für alle Arbeitsplätze Mittelhessens. Die Vielzahl dieser arbeitslosen und arbeitssuchenden Menschen entsprechen jedoch nicht immer den Idealvorstellungen der Arbeitgeber: Viele der zu uns geflüchteten Menschen haben inzwischen ihre Asylanerkennung erhalten und einen Integrationskurs absolviert. Leider fehlt ihnen im überwiegenden Falle eine arbeitsmarktrelevante Qualifikation. Auch reicht das Sprachniveau, trotz der intensiven Schulung, häufig nicht aus, um im Arbeitsalltag in jeder Hinsicht bestehen zu können. Auch Menschen, die länger als zwei Jahre von Arbeitslosigkeit betroffen sind, bleiben bei Stellenbesetzungsprozessen weitestgehend unberücksichtigt. Weiteres Potenzial bieten ältere Arbeitskräfte ab 45 Jahre oder mit gesundheitlichen Einschränkungen. Sie alle streben Arbeitsplätze in unserer Region an.

Warum sollten sich Unternehmen diesem Potential zuwenden?

Vakante Stellen nicht zu besetzen, ist wirtschaftlich gesehen nicht sinnvoll. Gleiches gilt für Kundenaufträge, die nicht bearbeitet werden können. Arbeitgeber sind rational handelnde, lösungsorientierte Persönlichkeiten. Vielfältige Kontakte zu Personalentscheidern Mittelhessens zeigen, dass Unternehmen, die sich den ungenutzten Potenzialen des Arbeitsmarktes zugewandt und –zugegebenermaßen mit entsprechendem Aufwand- betriebsspezifisch qualifiziert haben, dem Fachkräftemangel erfolgreich entgegentreten sind. Häufig nutzen diese Betriebe bei Folgebesetzungen erneut die gleiche Strategie, die in der Regel durch Betriebstreue und Motivation der neuen Mitarbeiter zusätzlich belohnt wird. Arbeitgeber, die diesen Weg gehen, schaffen einen Gewinn für alle: Für ihr eigenes Unternehmen, für ihre neuen Mitarbeiter und letztendlich für unsere Region! Die genannten Personenkreise als Mitarbeiter in Unternehmen zu integrieren, ist sicherlich eine Herausforderung. Diese Herausforderung anzunehmen hilft aber, erfolgreich alternative Wege zu finden, sich auf neuen Märkten zu platzieren oder neue Produkte anders zu fertigen.

Wie kann dieser Weg erfolgreich beschritten werden?

Diese Zielgruppen des Arbeitsmarktes werden die Arbeitsagenturen und Jobcenter der Region dauerhaft mit Anpassungs- und Nachqualifizierung den Weg in die Unternehmen bahnen. Für all diese Aktivitäten werden aber Arbeitgeber als verlässliche Partner gebraucht, damit die praktischen Phasen zeitnah und anforderungsgerecht durchgeführt werden können. Gemeinsames, regionales Ziel sollte es sein, die Wertschöpfung der letztlich durch Beitragsgelder finanzierten Qualifizierungsbausteine auch den Unternehmen in unserer Region zu Gute kommen zu lassen.