Florian Kern: „Hübner mit seinem Know-how hilft, damit sich Startups auf das Kerngeschäft konzentrieren können.“ (Foto: Regionalmanagement Mittelhessen / Tilman Lochmüller)Die Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren einige skurrile Phänomene hervorgebracht: Ein Übernachtungs-Startup wie airbnb zum Beispiel, das über keine eigenen Immobilien verfügt, wurde wertvoller als manche große Hotelkette. Startups mit oft disruptiven Ideen werden daher von vielen als Gegenspieler zur „Old Economy“ gesehen: neue digitale Produkte und Dienstleistungen auf der einen Seite, traditionelle Marken mit Fabriken, Immobilien und zahlreichen Beschäftigen auf der anderen. Dass beides auch erfolgreich Hand in Hand gehen kann, zeigt der Gießener Maschinenbauer Johannes Hübner Fabrik elektrischer Maschinen GmbH: Mit der hauseigenen Initiative ab Idee ok! holt sich das Unternehmen Gründer ins eigene Haus und verschafft sich so Zugang zu neuen Ideen.

In einem Konferenzraum im Gießener Gewerbegebiet im Schiffenberger Tal steht Florian Kern gemeinsam mit Nicholas Jullmann und Teresa Walter und skizziert das Konzept hinter der Initiative auf einem Whiteboard. Im Kern ist der Deal, den Johannes Hübner eingegangen ist, recht einfach: Das Traditionsunternehmen beliefert seit Jahrzehnten erfolgreich Branchen, die sozusagen das metallene Rückgrat der Industrie darstellen. Hübner baut zum Beispiel Sensoren für Stahlwalzwerke und Container-Verladekräne. Doch Hübner-Inhaberin Olga Riedl-Hübner möchte auch neuen Ideen Raum geben – und zwar im wortwörtlichen Sinn: Die Firma besitzt das als Überschuss, was Startups zunächst oft fehlt, nämlich Raum zum Arbeiten. Und sie weiß, dass man sich nur entwickeln kann, wenn man innovativ bleibt und Zugang zu neuen Arbeitsweisen findet. Und hier kommt ab Idee ok! ins Spiel.

Besprechung in den Räumen von ab idee ok! (Foto: Regionalmanagement Mittelhessen / Tilman Lochmüller)Die Initiative stellt Gründern Platz und Erfahrung zur Verfügung und erhält im Gegenzug Zugriff auf neue Ideen und Technologien. „Hübner ist ein solider Maschinenbauer in einer sehr engen Nische“, inhabergeführt und traditionsreich, sagt Kern. Damit das Unternehmen auch in Zukunft erfolgreich bleibt, kam die Idee auf, sich mit Innovation und neuen Technologien zu beschäftigen. Und wie es der Zufall wollte, stand dafür auch Raum zur Verfügung: „Ein älterer Teil des Gebäudekomplexes in der Gießener Siemensstraße sollte abgerissen werden, nun finden dort Startups Raum zum Entfalten“, sagt Kern. In fünf bis sechs Räumen auf rund 300 Quadratmetern stellt ab Idee ok! 25 Arbeitsplätze bereit.

Und arbeiten lässt es sich gut in den hellen Räumlichkeiten. Die Büromöbel sind hochwertig, vielseitig nutzbar, lassen sitzendes und stehendes Arbeiten zu. Ein Raum beherbergt sogar eine Art Wald-Oase – mit passender Foto-Tapete, Rasen-Teppich und Raum-Elementen in Form von Baumstämmen. Das stimmige und funktionale Interieur ist kein Zufall: „Wir sind mit dem Büroausstatter Quadro Office eine Kooperation eingegangen“, erzählt Kern. Der Hersteller bekommt so Gelegenheit, seine Produkte im praktischen Einsatz zu zeigen; dafür kann ab Idee ok! mit einer gehobenen Ausstattung aufwarten.

Ende vergangenen Jahres gab es dann mit dem Softwareentwickler Storeplus eine erste Beteiligung. Der Kontakt kam über das Kreativen-Netzwerk raumstation3539 zustande. „Wir wollten unbedingt von Friedberg nach Gießen ziehen“, sagt Teresa Walter, Marketing Manager des 2012 gegründeten Startups. Eines der Vorzeige-Produkte von Storeplus ist youbuyda, ein Portal, mit der Online-Shopper Waren im stationären Handel finden können. Rund 17 Mitarbeiter arbeiten für Storeplus, fünf davon fest angestellt. Für Walter ist ab Idee ok! mehr als nur eine Raum-Lösung: „Ich habe gelernt, dass interessante Ideen rauskommen, wenn man durchmischt.“

ab idee ok!: Wald-Oase im Büro (Foto: Regionalmanagement Mittelhessen / Tilman Lochmüller)Was noch fehlte, war jemand, der sich mit modernen IT-Konzepten auskennt: Gemeinsam mit dem Personaldienstleister K&S und dem Diplom-Informatiker Nicholas Jullmann gründete Hübner das ITWerk Giessen . Denn: „In allen Projekten taucht Informationstechnologie auf“, sagt Jullmann. Mit dabei ist auch ein externer Datenschutzbeauftragter und ein IT-Anwalt – wichtig in Zeiten von DSGVO und Co. Die Mischung soll stimmen, macht Florian Kern deutlich. Das hat seinen Grund: „Man kann sich sehr viel abgucken, aber auch sehr viel ausprobieren“, sagt Teresa Walter. Es bestehe immer die Möglichkeit, schnell Feedback zu bekommen. „Man hat immer einen Ansprechpartner, der einen anderen Blick darauf hat.“ Hübner verstehe sich in diesem Sinne auch als „Sparrings-Partner“, sagt Kern. Es ist eine Partnerschaft aus alter Industrie mit neuen Ideengebern. „Das motiviert mich auch.“

Nicht zuletzt hilft der solide Name des Mittelständlers Hübner auch bei der Kontakt-Anbahnung für Startups. Aber der Hauptvorteil von ab Idee ok! ist, dass „Hübner mit seinem Know-how hilft, damit sich Startups auf das Kerngeschäft konzentrieren können.“ Das Unternehmen übernimmt neben den räumlichen Sorgen auch Buchhaltung und Personalverwaltung, hilft bei steuerlichen Fragen.

Bei verschiedenen Startups, die in den vergangenen Monaten mit ab Idee ok! Kontakt aufgenommen haben, „hat es noch nicht gepasst“. Manchmal scheiterte es an der Beteiligung, dann war die Idee noch zu frisch oder die Gründer wollten es erst einmal alleine versuchen. „Da ist sehr viel Bewegung drin“, sagt Kern und meine damit die mittelhessische Startup-Szene. Er hat ein positives Gefühl beim Blick auf die hiesige Startup-Landschaft.: „Es sprießt, auch wenn noch viel Arbeit zu tun ist.“