Sven Klingelhöfer-Demand im Gespräch mit Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich (r.). (Quelle: RP Gießen)Nur noch im Februar war eine winzige Lücke frei: Von einem komplett ausgebuchten Terminkalender auf null, das ist seit dem Shutdown die berufliche Realität von Sven Klingelhöfer-Demand als Caterer. Gelernt hat er das Metzgerhandwerk - in dritter Generation. Er stammt aus dem hessischen Hinterland, genauer aus Bad Endbach. "Die Aufträge sind zu 100 Prozent eingebrochen, das war erst mal ein unglaublicher Schock", berichtet er in der Telefonkonferenz mit Dr. Christoph Ullrich. In der Reihe "Auf eine TelKo." trifft der Regierungspräsident auf Menschen aus Mittelhessen, die mit ihren Ideen Mut in der Krise machen. Sven Klingelhöfer-Demand hat tief durchgeatmet und sich etwas überlegt: Dreimal in der Woche steht er mit seinem silbernen Airstream bei Delta-Bikes im Gewerbegebiet von Wettenberg und verkauft eigene Wurst und Fleisch sowie frische Fertigprodukte und hausgemachte Konserven für den Mittagtisch.

Der Kult-Wohnwagen aus den USA ist Baujahr 1972 und ein Hingucker. Normalerweise dient er als rollende Küche für die Cateringaufträge wie Hochzeiten oder jeder Form von Veranstaltung. Eigentlich hat Sven Klingelhöfer-Demand alles solide aufgebaut. Das Risiko ist gestreut, das Unternehmen hat verschiedene Standbeine: Metzgerei, Pension und ein Catering-Service. Mit seinem Trailer bietet er Adventure-Barbecue-Catering an und hat sich damit einen Namen gemacht. Und dann kommt Corona. Jetzt könnte man denken: Es gibt ja noch die Metzgerei. Die läuft ja weiter. Aber für das Catering müssen auch Investitionen getätigt werden und die Kosten laufen weiter. Hier ist Kreativität gefragt.

Das und der Mut eines Unternehmers ziehen sich durch sein Leben. Als junger Mann folgte er noch der Familientradition und absolvierte eine Ausbildung zum Metzger, dann zum Metzgermeister. Es folgte aber mehr, Größeres, Weiteres. Nach der Ausbildung zum Koch und langen Aufenthalten und beruflichen Stationen in Down Under reifte der Gedanke, ganz nach Australien zu gehen. Es kam anders: Er erkannte das Potenzial und übernahm die elterliche Metzgerei - und hat den Trend erkannt: "Das neue Öko ist regional!" Mittlerweile hat er in Wilsbach bei Bischoffen eine ehemalige Metzgerei dazugekauft und zur Catering-Küche umgebaut. Die Pandemie hat alles verändert.

"Bevor der Airstream hier herumsteht, versuchen wir ihn zu nutzen", berichtet er. Zufällig hat er davon erfahren, dass bei Delta-Bike der Verkaufs-Bereich nur für die Werkstatt Annahme, Reparaturen und Auslieferung geöffnet ist und daher einige Parkplätze aktuell nicht benötigt werden. Ein neues Betätigungsfeld tut sich auf: Der Eigentümer des Geländes, Helge Hessler, erlaubt ihm, seinen Airstream auf das dortige Firmengelände zu stellen. Neben Wurst und Fleisch aus der eigenen Metzgerei, auch auf Bestellung, gibt es auch hausgemachte Konserven und Convenience-Produkte - Sauce Bolognese, Rouladen, Gulasch, Schaschlik oder Hackbraten. Das gesamte Industriegebiet soll profitieren. Es gibt auch noch einen täglich wechselnden Mittagstisch, wie es sich in Corona-Zeiten gehört - ausschließlich zur Abholung.

"Es ist nichts, um den Verlust aus dem Catering-Geschäft auszugleichen. Aber es ist besser, als nichts zu tun. Lieber einen Teil des Umsatzes reinholen, als zu resignieren", so ist Sven Klingelhöfer gestrickt. Selber gerade gesundheitlich angeschlagen, wird er von zwei Freunden unterstützt, denen es im Moment auch nicht ums Geld geht und die zu den Öffnungszeiten dienstags, donnerstags und freitags im Trailer stehen. Die Öffentlichkeitsarbeit läuft momentan noch ausschließlich über Facebook.

Regierungspräsident Ullrich ist beeindruckt von der Initiative des Unternehmers. "Wir haben hier in Mittelhessen viele große und kleine Firmen", sagt er. "Ich bewundere die Menschen, die in dieser schwierigen Zeit mit gutem Beispiel vorangehen und mit ihren Möglichkeiten nach Lösungen suchen." Die Geschichte geht noch weiter. So wie Sven Klingelhöfer-Demand selbst Unterstützung und Hilfe erfährt, so gibt er diese auch weiter. "Ich erlebe durchaus auch positive Sachen an so einer Krise wie Zusammenschlüsse von Leuten, die sich vorher gar nicht kannten. An dieser Stelle auch herzlichsten Dank an Thomas Langner von Delta-Bike und Helge Hessler vom Ingenieurbüro Zick-Hessler sowie an Julia Klauschütz und Frank Bechtold für den Einsatz im Airstream." Aus einer langjährigen Kooperation mit dem Gießener Restaurant GutBurgerlich ist auch etwas mehr entstanden. Klingelhöfer hat den ungenutzten Firmenwagen seines Caterings, GutBurgerlich braucht ihn für den neuen Lieferservice. Den können sie nun nutzen und vertreiben dabei gleichzeitig noch die Fertiggerichte und Konserven aus Klingelhöfers Metzgerei.

"Man hilft sich anders, als das in normalen Zeiten gewesen wäre." Es fühle sich auch besser an, als zu resignieren. "Wenn sich das nach einer ersten Stockstarre löst, dann hilft das einem mental weiter." Im Moment mag das nicht genug sein, um die Geschäfte am Laufen zu halten. Alles wird derzeit improvisiert. Doch die gegenseitige Hilfe hat Klingelhöfer so sehr beeindruckt und motiviert, dass aus den neuen Kontakten auch durchaus Dauerhaftes wächst. "Vielleicht sagen wir in zwei Jahren: Wie cool, dass das damals daraus entstanden ist."