Timo Körber ist freiberuflicher Web-Entwickler, IT-Berater und Startup-Enthusiast aus Gießen. Seit über 15 Jahren arbeitet er in der Branche und hat in dieser Zeit eine Vielzahl an Software-Projekten für große Konzerne, mittelständige Unternehmen und kleine Startups aufgebaut, betreut und optimiert. In unserem Gastbeitrag spricht Timo über seine Erfahrungen als Software-Entwickler in der Gründer-Szene und die Stolpersteine beim Aufbau eines Tech-Startups.

"Wieviel kostet denn so ne App?"

Seit ich mich damals als Software-Entwickler selbstständig gemacht habe, treibe ich mich zum Netzwerken und Leute-Kennenlernen gerne auf Startup- und Gründungsveranstaltungen herum. Dabei mag ich die Kreativität und den Ideenreichtum, den diese "Szene" mit sich bringt. Sobald ich mich nach ein wenig Smalltalk als selbständiger Web-Entwickler oute, wird die Unterhaltung oft sehr konkret und es dauert dann meistens nicht lange bis mir die Frage gestellt wird: "Sag mal... ich hab da so ne Idee für ne App. Wieviel kostet denn sowas?".

Leider konnte ich niemals eine konkrete Antwort auf diese Frage geben und werde es auch in diesem Artikel nicht können. Genau so könnte ich zu einem KFZ-Mechaniker gehen und ihn fragen "Was kostet denn so ein Auto?". Es kommt nun mal immer darauf an. Wenn ich aber anfange von Beträgen im 5-stelligen Bereich zu sprechen, wandelt sich meistens der Optimismus im Gesicht meines/r Gesprächspartner_in in Fassungslosigkeit und Enttäuschung.

Als Nicht-Techie hat man meist ein sehr verzerrtes Bild bezüglich der Kosten für Software-Entwicklung. Das ist heutzutage auch nicht verwunderlich. Schließlich sind ein Großteil der Mobile Apps, die wir täglich benutzen, einfach gratis. Sobald eine App schon "unverschämte" 1,99€ kostet zögern wir bereits mit unserem Kauf. Wir sind es mittlerweile gewohnt, dass Software umsonst zu erwerben und zu nutzen ist. Das fördert natürlich den Gedanken "Was günstig zu erwerben ist kann in der Entwicklung nicht so teuer gewesen sein". Wie kann es also sein, dass so eine "kleine App" so viel Geld kostet?

Das Problem hierbei liegt nicht in der Antwort, sondern in der Formulierung der Frage. Als er gefragt wurde wieviel Zeit und Geld man für die Umsetzung einer App benötigt antwortete der Gründer von Appsector Alex Pshenianykov einmal: "Also wenn du die Frage schon so stellst, wird es wahrscheinlich echt lange dauern und richtig teuer werden."

So ernüchternd diese Antwort auch sein mag, beinhaltet sie doch eine wichtige Botschaft. Als Gründer_in hat man es selbst in der Hand wieviel die Entwicklung der eigenen Idee am Ende kosten wird. Je mehr man sich vorbereitet, je besser die Strategie ist und umso mehr man das Handwerk "Software-Entwicklung" verstehen lernt, desto günstiger kommt man am Ende bei weg.

Zum erfolgreichen Startup nach 2 Minuten Rock-Musik

Wir leben in einer schnelllebigen und ungeduldigen Gesellschaft. Unsere Einkäufe bekommen wir per Amazon 1-Click und Overnight Express direkt am nächsten Morgen zu uns nach Hause geliefert. Netflix lässt uns direkt von der Couch aus jeden beliebigen Film ohne Wartezeiten oder Werbung ansehen. Die Startups bei der "Höhle der Löwen" haben einen Tag nach ihrem Pitch das Produkt direkt in den Regalen von Rewe stehen. Und im Film "The Social Network" wird der jahrelange, mühselige Aufstieg von Facebook vom kleinen Studenten-Startup zum Millarden-Unternehmen in einer 2-minütigen Montage zusammen gefasst, die mit fetziger Rock-Musik untermalt ist.

Uns wird suggeriert, dass Gründertum einfach ist, schnell geht und dass von der initialen Idee zum Millionen-schweren Reichtum nur ein Elevator-Pitch und ein paar Wochen Arbeit liegen. Und mit dieser Einstellung starten viele junge Gründer_innen in ihr Startup und merken nach kürzester Zeit, dass zu einer erfolgreichen Gründung viel mehr gehört, als nur eine innovative Idee und fetzige Rock-Musik. Es ist wichtig, dass sich die Gründer_innen auch über die Idee hinaus intensiv mit dem Produkt auseinander setzten und bereits bevor das Programmieren überhaupt los geht die genauen Anforderungen, technischen Prozesse und Funktionalitäten der App definieren.

"Was ist denn ein Pflichtenheft?"

"Wenn ich 6 Stunden Zeit hätte einen Baum zu fällen, würde ich 4 Stunden damit verbringen die Säge zu schärfen". - Abraham Lincoln

Ein Pitchdeck überzeugt vielleicht einen Business Angel, aber ein Developer kann nichts damit anfangen. Ideen und Visionen können nicht programmiert werden. Daher ist es wichtig, dass diese ausgearbeitet, konkretisiert und in ein klar definiertes Produkt gegossen werden. Ob Clickdummy, Pflichtenheft oder Fachkonzept - das Format ist erstmal egal. Wichtig ist nur, dass eine konkrete Referenz des fertigen Produktes mit allen Prozessen und Modellen existiert, in dem alle technischen Details definiert sind und an der man sich bei der Entwicklung orientieren kann. Dabei sind diese Angaben natürlich nicht in Stein gemeißelt und können im Projektverlauf ganz im Sinne der "agilen" Software-Entwicklung angepasst und ergänzt werden.

Aber ohne einen "technischen Fahrplan" würde keine vernünftige Basis für einen effizienten Entwicklungsprozess existieren. Neue Anforderungen würden "zwischen Tür und Angel" besprochen werden, bestehende Features würden "mal eben" verworfen werden und das Produkt würde in Schlangenlinien vor sich hin schlingern, da kein klares Ziel vorhanden ist. An dieser Stelle wird übrigens in der Software-Entwicklung das meiste Geld "verbrannt", wenn z.B. die neuen akuten Ideen ohne große Planung direkt umgesetzt werden und dadurch die wochenlange Entwicklungsarbeit an vorherigen Ideen mit einem Schlag hinfällig wird.

Die Gründer_innen müssen sich also der technischen Tragweite aller Entscheidungen bewusst sein. Denn alles, was nicht konkret geplant wird, wird das Unternehmen am Ende Geld kosten.

"MVP" oder "Die eierlegende Wollmilchsau"?

Sind erstmal alle Details des Produkts konkretisiert und alle Prozesse ausdefiniert worden, muss sich die nächste Frage gestellt werden: Was davon kann weg?!

"Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann." - Antoine de Saint-Exupéry

Der aus dem Konzept des "Lean Startup" entstandene Begriff des MVP ("Minimal Viable Product", "minimal überlebensfähiges Produkt") beschreibt die erste Iteration eines Produktes, welche es schafft, die minimalen Anforderungen des Kunden bzw. des Marktes zu decken. Es geht also nicht darum, sofort die berühmte "eierlegende Wollmilchsau" zu kreieren, sondern ein Produkt zu erschaffen, was mit einfachen Mitteln und minimalen Aufwand die essentiellen Funktionalitäten bereitstellt, die vom Kunden erwartet werden. Dabei sollte es nicht im Sinne der Gründer_innen sein, mit dem perfekten Produkt zu starten, sondern viel mehr überhaupt erstmal im Markt Fuß zu fassen, um die ersten Kunden und ggf. bereits erstes Einkommen zu generieren.

Zur Erinnerung: Das allererste iPhone von 2007 hatte nicht mal eine Copy-Paste Funktion! Man sollte sich also in der ersten Phase der Produktentwicklung Fragen stellen wie: Muss das Design denn perfekt sein oder genügt auch ein simples User Interface? Brauchen wir eine automatisierte Rechnungs-Erstellung oder können wir das erstmal manuell machen? Ist Feature #25 überhaupt schon wichtig für Phase 1 oder reicht es auch, es in Phase 2 zu implementieren? Das Produkt auf die essentiellen Grundfunktionen zu reduzieren verkürzt nicht nur die Entwicklungszeit und reduziert die Kosten, sondern verschärft außerdem den USP ("Unique Selling Proposition", das Alleinstellungsmerkmal) des Produktes und ermöglicht es dem Kunden ein frühes Feedback zu geben, um den Entwicklungs-Fahrplan in der nächsten Phase nochmal zu optimieren.

Der deutsche Unternehmer und "Höhle der Löwen" Juror Frank Thelen hat 2011 mit "Doo" eine komplette Dokumentenverwaltungs-App mit einer Fülle an technisch komplexen und modernen Features auf den Markt gebracht. Trotz den innovativen Ideen und den hochwertigen Technologien und einem Investment von 10-Millionen Dollar wurde die App am Markt nicht angenommen und das Unternehmen ging insolvent. Die App war den Usern zu komplex. Erst als die simple "Scanner"-Funktion des Produkts extrahiert und in Form der App "Scanbot" neu veröffentlich wurde, konnte Thelen wieder Erfolge verzeichnen. Anstatt also mit einer teuren eierlegenden Wollmilchsau vergeblich ein Vielzahl an Problemen des Kunden lösen zu wollen, ist es sinnvoller "spitz" in den Markt zu starten und sich auf die Einzigartigkeit des Produkts zu fokussieren.

Software-Entwicklung ist teuer - und das ist auch gut so!

So demotivierend und einschüchternd die hohen Kosten für die Entwicklung einer App auch sein mögen, so haben sie auch einen großen Vorteil: Sie motivieren die Gründer_innen aus ihren umfangreichen Ideen eine konkrete und schlanke Lösung zu entwickeln und dem Markt nur das anzubieten, was er auch wirklich benötigt. Die Kosten stecken nämlich nicht in der Entwicklung der App an sich, sondern in der Umsetzung der Vision der Gründer_innen. Und je fokussierter und klarer diese definiert ist, desto weniger Kapital muss aufgebracht werden um mit dem nächsten "Lean Startup" durchzustarten.